Rezension

[REZENSION] Bus 57

Redakteur: Anette Leister

Titel: Bus 57
Autor: Dashka Slater
Übersetzer: Ann Lecker

Verlag: Loewe
Reihe: -/-
empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahren

Ausführung: Hardcover, 400 Seiten
Autor:
Dashka Slater schreibt als Journalistin überwiegend für die New York Times und wurde mehrfach für ihre sorgfältigen Essays und Hintergrundgeschichten ausgezeichnet. Sie schreibt außerdem Bücher für Kinder und Erwachsene. Ihr Roman The Wishing Box wurde von der Los Angeles Times in die Liste der Best Books of the Year aufgenommen.

 

BUS 57

 

“Bus 57” erzählt die wahre Geschichte der beiden Jugendlichen Sasha Fleischmann und Richard Thomas.
Im November 2013 besteigen drei farbige Jugendliche den Bus der Linie 57, in dem bereits der Agender Sasha sitzt. Sasha trägt einen langen, weißen Rock, den Richard aus einer Laune heraus mit einem Feuerzeug in Brand setzt. Der Rock geht in Flammen auf und Sasha trägt schwere Verbrennungen davon. Durch die Aufzeichnungen der Kameras, die im Bus installiert sind, wird Richard kurze Zeit später in Gewahrsam genommen und vor Gericht gestellt.
Dashka Slater hat den nachfolgenden Gerichtsprozess monatelang verfolgt, mit Beteiligten gesprochen und die Hintergründe recherchiert. Zunächst lernen wir im Buch jedoch die beiden Jugendlichen Sasha und Richard näher kennen, bevor Dashka Slater über das Feuer und dessen Folgen berichtet.

“Bus 57” ist das erste Buch, das ich über einen Agender gelesen habe. Ein Agender ist ein Mensch, der die Zuschreibung eines Geschlechts für sich ablehnt. Man kann dies auch als gender-neutral bezeichnen. Aus diesem Grund wurde Sasha im englischen Original mit den Pronomen they betitelt, in der deutschen Übersetzung hat man eigene Pronomen erfunden. Zu Beginn liest sich dies sehr ungewohnt, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Ich verstehe das Bedürfnis,  dass sich Agender auch in der Sprache wiederfinden und keinem Geschlecht zugeordnet werden zu wollen.
Als Leser bekommt man noch einige andere Begriffe erklärt. Dies ist zum einen für das Verständnis dieser Geschichte sehr hilfreich, zum anderen aber auch zur allgemeinen Wahrnehmung, da nicht alle Geschlechterrollen oder Geschlechteridentitäten jedem gleichermaßen geläufig sind. Tatsächlich kannte auch ich einige Begriffe noch nicht, die hier erläutert werden.

Dashka Slater steigt in die Geschichte mit der Vorstellung Sashas ein. Sie/er wächst in einem toleranten Umfeld auf. Sasha merkt schon recht früh, dass sie/er sich keinem Geschlecht zugehörig fühlt, dies wird von Freunden und Familie ohne Einschränkungen akzeptiert. Auch ihre/seine Schule ist sehr offen in ihrer Einstellung. Ihre/seine Mutter macht sich jedoch stets Sorgen, dass Sasha irgendwann jemanden begegnen könnte, der Probleme mit ihrer/seiner Identität hat. Mit dem Vorfall im November 2013 treten die schlimmen Befürchtungen von Sashas Mutter schlussendlich ein.
Der zweite Abschnitt der Geschichte befasst sich mit Richard. Im Gegensatz zu Sasha wächst er in einem Umfeld auf, das von Armut und Gewalt geprägt ist. Seine Mutter war mit ihm schwanger zu einer Zeit, in der sie selbst noch ein halbes Kind war. Früh kommt er mit Mord und Verlust in Berührung, als beispielsweise ein sehr guter Freund und eine seiner Tante bei Schießereien sterben. Es scheint vorherbestimmt, dass er selbst schon früh mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Er ist jedoch nicht dumm und versucht seinen Weg zu machen und sich aus Konflikten herauszuhalten. Richard ist ein fröhlicher Junge, der alle zum Lachen bringt und bei seiner Familie und seinen Freunden beliebt ist.
Im dritten Abschnitt wohnt man dem schicksalshaften Tag im November 2013 bei. Da man zuvor die beiden Jugendlichen und ihr Umfeld näher kennengelernt hat, ist das Ereignis umso tragischer und nahegehend. Man lernt Richard so kennen, dass man ihm abnimmt, das der Unfall nur aus einer jugendlichen Laune heraus entstanden ist, und genauso kommt die Schilderung des Falls im Buch auch beim Leser an. Doch sein Schicksal scheint von Anfang an besiegelt, denn hier treffen zwei Tatsachen aufeinander. Zum einen geht jeder davon aus, dass ein solcher Vorfall nur vorsätzlich sein kann, wenn jemand davon betroffen ist, der einer Randgruppe zugehörig ist wie Sasha als Agender. Zum anderen wird ein farbiger Jugendlicher von vorneherein vorverurteilt. Tatsächlich ist es so, dass schwarze Jugendliche oftmals härter bestraft werden als weiße Jugendliche und trotz ihres Alters häufig nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden.
Natürlich hinterfragt man das Szenario, ob Richard auch gezündelt hätte, wenn Sasha mit einer Hose bekleidet gewesen wäre. Andererseits stellt man sich genauso die Frage, ob man mit einem weißen Jugendlichen genauso hart zu Gericht gegangen wäre, wie dies bei Richard der Fall war.
In den folgenden Kapiteln wird man Zeuge davon, mit welchen Vorurteilen beide Seiten zu kämpfen haben und wie sich dies im amerikanischen Rechtssystem teilweise in eine Abwärtsspirale für Richard umwandelt. Alle Schilderungen im vierten Abschnitt, der mit “Justiz” betitelt ist, beruhen ebenso wie der Rest des Buches auf Tatsachen. Stellenweise unglaublich, aber traurig und wahr!

Da “Bus 57” kein Roman, sondern vielmehr ein Tatsachenbericht ist, sollte man versuchen wertungsfrei an das Thema heranzugehen. Dashka Slater ist eine Gratwanderung zwischen Emotion und sachlicher Recherche gelungen. Ich finde, sie hat den Sachverhalt wertungsneutral umgesetzt, dennoch baut man zu beiden Jugendlichen Sympathien auf, allein durch die Schilderungen ihres Lebens und ihres Umfelds.
Nebenbei lernt man viel über queere Lebensweisen, sowie Vorverurteilungen in unserer Gesellschaft und im Rechtssystem kennen, die sich häufig auf Grund von Vorurteilen ergeben.
Dashka Slater hat mit ihrer Schilderung und Aufarbeitung des Vorfalls im “Bus 57” im November 2013 einen wichtigen Beitrag geleistet, um die Gesellschaft zu sensibilisieren und mit Vorurteilen aufzuräumen.
“Bus 57” ist ein sehr wichtiges Buch, das hoffentlich auch hierzulande von sehr vielen Menschen gelesen wird. Denn auch wenn unser Rechtssystem nicht mit dem amerikanischen zu vergleichen ist, so gibt es auch hier viele Vorurteile gegen alles, was einem persönlich fremd ist, mit denen dringend aufgeräumt werden muss!

Für Jugendliche mag die Umsetzung möglicherweise zu sachlich von der Heransgehensweise und der Umsetzung sein. Ich hoffe dennoch, dass dies potentielle Leser nicht davon abhält dieses Buch zur Hand zu nehmen.

 
 
MUSS ICH HABEN!

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