Redakteur: Christiane Demuth
Titel: Botanik des WahnsinnsAutor: Leon Engler
Verlag: DuMont
Reihe: -/-
Ausführung: Hardcover, 208 Seiten


BOTANIK DES WAHNSINNS
„Die Methode des freien Assoziierens, das Herz der Psychoanalyse, bei dem der Patient seines ungehemmt ausschüttet, könnte Freud auch im Kokainrausch eingefallen sein. Waren Freuds Ideen bloß Zufallsfunde?“
Der menschliche Verstand, die menschliche Seele, ein Geheimnis, das zu entschlüsseln schon viele versucht haben. Ob es je gelingen wird, sämtliche Abzweigungen zu nehmen, alle Eventualitäten zu berücksichtigen, vorzudringen in gut verborgene und teils verschlossene Gebiete, den Grenzen der Vorstellungskraft zu trotzen?
Leon Engler legt mit seinem Debüt eine Familiengeschichte vor, mit deren Unterstützung er versucht, auf den Grund der Psyche zu blicken. Obwohl dabei zahlreiche Abgründe zutage treten, gelingt es ihm, niemals über selbigen zu treten und dem Leser gleichzeitig ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Er erklärt, analysiert, diagnostiziert, springt dabei in der Chronologie vor und zurück, und bleibt doch immer präsent.
Ein gleichsam großartiges wie gelungenes Zusammenspiel unterschiedlichster, teils gegensätzlicher Emotionen. Engler holt den Leser ab und nimmt ihn mit, niemals fühlt man sich verloren. Dennoch stellt man sich manches Mal die Frage, ob nicht doch weiterhin ausschließlich an der Oberfläche gekratzt wird, ob es sich nicht zu einfach gemacht wird mit dem Bedienen des ein oder anderen Klischees.
„Meine Mutter war nicht nur alkoholabhängig, sie war auch depressiv. Sie war nicht nur depressiv, sie hatte auch Panikattacken. Sie hatte nicht nur Panikattacken, sondern diffuse Ängste. Diese Worte und Kategorien werden dem Leid der Menschen nie gerecht.“
„Botanik des Wahnsinns“ ist ein Buch der Gegensätze im positiven Sinne. Inhaltlich keine ganz leichte Kost, stilistisch dafür umso lockerer und erfrischender, ohne die Ernsthaftigkeit der Thematik aus dem Blick zu verlieren. Ein ehrliches, angenehmes Werk, das durchaus zum Nachdenken anregt, vor allem aber niemals verurteilt. Eine lohnenswerte Lektüre, nicht nur für trübe Tage.


Leon Engler will in erster Linie seiner Familiengeschichte nachspüren und seine Wurzeln finden, um sich selber besser zu verstehen. Da in seiner Familie gehäuft psychische Krankheiten aufgetreten sind, befürchtet auch er über kurz oder lang an einer solchen zu erkranken. Er entwickelt großes Intresse an diesem Fach und studiert neben der Theater- und Kulturwissenschaft sogar selber Psychologie. Diese zwei unterschiedlichen Wissenschaften befruchten einander in dem Roman gegenseitig und gehen bei Leon Englers Schreiben eine symbiotische Beziehung ein. Seine Romanfiguren werden durch den scharfen psychologischen Blick rund und facettenreich; seine Sprache ist voller Metaphern und Symbolik, die selbst die sachlicheren Textabschnitte interessant und leicht zu lesen machen. Mir hat gerade das literarische Niveau des Buchs äußerst gut gefallen und es zu einem wahren Lesevergnügen gemacht!
Erzählt wird episodenhaft mit Zeitsprüngen zwischen verschiedenen Ebenen und Generationen. Trotzdem behält man den Überblick und es wird nie verwirrend, wenn der Autor so zeigt, wie verschiedene Generationen aufeinander einwirken, miteinander verwoben sind und die Vergangenheit auch noch ihre Spuren in der Gegenwart hinterlässt. So rekonstruiert und pathologisiert Leon Engler seine Familiengeschichte und stellt auch in Bezug auf die gesamte Gesellschaft die Fragen, was überhaupt als normal oder krank gelten kann, wer diese Normen definiert und wie sich die Definitionen innerhalb der Psychologie über die Jahre verändert haben, gewissermaßen erwachsen sind. Befinden wir uns nicht alle auf die ein oder andere Art abseits gängiger Normen und können als „komische Gewächse“ gelten?
Zu diesem Roman passt die Aussage allemal und das im positivsten Sinne! Er lässt sich nicht klar in gängige Genrekategorien einordnen, sticht sprachstilistisch hervor und bringt auch ernstere, sachliche Themen den LeserInnen näher ohne dabei leidend oder dramatisierend zu werden. Selbst Leuten, die mit Texten über psychische Krankheiten fremdeln, weil sie befürchten zu sehr runtergezogen zu werden, würde ich Leon Englers „Botanik des Wahnsinns“ empfehlen, eben weil es abseits gängiger Normen ist und das Feld der Psychologie mit einer ganz anderen Perspektive unter die Lupe nimmt und literarisiert.

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