Rezension

[REZENSION] Frag nach Susan

Redakteur: Kerstin Kruse

Titel: Frag nach Susan (OT: Pick a Colour)
Autorin: Souvankham Thammavongsa
Übersetzerin: Sophie Zeitz
Verlag: Aufbau
Reihe: -/-
Ausführung: Hardcover, 207 Seiten
Autorin:
Souvankham Thammavongsa, geboren 1978 in Nong Khai, ist laotisch-kanadische Dichterin und Autorin. Ihre Kurzgeschichten erschienen u. a. in The New Yorker, Harper’s Magazine, The Atlantic, The Paris Review und Granta und wurden vielfach ausgezeichnet. »Frag nach Susan« ist ihr erster Roman, für den sie 2025 den Giller Prize erhielt. Die Autorin lebt und arbeitet in Toronto.

 

FRAG NACH SUSAN

 

Hier beinhaltet der Titel quasi schon die Leseempfehlung: Frag nach Susan – frag nach diesem Buch! Ich konnte mit dem Roman in eine mir recht fremde Welt eintauchen und war besonders von der lakonischen, etwas fiesen Erzählerin begeistert.

Die Handlung erstreckt sich über einen Arbeitstag in Nings Nagelstudio, wo der Einfachheit halber alle Angestellten gleich aussehen und Susan genannt werden. Obwohl hinter jeder „Susan“ Individuen stecken, ist so für die KundInnen kaum ein Unterschied erkennbar und auch die pragmatische Ning hat kein Problem damit, nur als auswechselbare Dienstleisterin wahrgenommen zu werden. Als ehemalige Boxerin hat sie gelernt, knallhart zu sein und so führt sie auch ihr Nagelstudio. Nach der Devise „rein, raus“ werden alle Termine so effizient wie möglich abgearbeitet und die KundInnen gefühllos als Ware betrachtet. Wie wenig Wertschätzung die „Susans“ diesen entgegenbringen, zeigt sich, wenn sie in Gegenwart der KundInnen offen in ihrer asiatischen Muttersprache über sie lästern. Gerade diese Passagen fand ich sehr unterhaltsam!

Der Erzählstil ist prägnant und eindringlich mit kurzen, klaren Sätzen ohne viel literarische Spielerei. Das passt wunderbar zu der abgebrühten Ning und betont ihren Pragmatismus und ihre Mitleidslosigkeit sowohl ihren KundInnen und Angestellten als auch sich selbst gegenüber. Nach dem Ende ihrer Boxkarriere ist nun das Nagelstudio ihr Ring, sie boxt sich durch die Ellenbogengesellschaft und nimmt Verluste in Kauf, vor allem bezüglich des sozialen Lebens. Ning hält stets ihre Deckung hoch und gibt wenig über sich preis, um keine emotionalen Beziehungen einzugehen. Auch die LeserInnen erfahren nur am Rande und bruchstückhaft etwas über Nings Vergangenheit und müssen sich ihre wahren Gefühle, die hinter der knallharten Maske stecken, selbst erschließen. Es zeigt sich, dass hinter der Fassade mehr stecken muss, wodurch der Roman eine zweite Ebene mit tieferer Bedeutung bekommt.

Auch auf andere Art wird deutlich gemacht, dass im Leben Schein und Sein oft nicht übereinstimmen, denn während die Susans über ihre KundInnen lästern, denken sie sich häufig deren Lebensgeschichte aus und reimen sich verrückte, teils fiese Szenarien zusammen. Diese Frauen haben wirklich Haare auf den Zähnen, unglaublich lustig! So wie Ning für ihre Angestellten die neue, unscheinbare „Susan-Identität“ erfindet, erfinden die Susans wiederum neue Identitäten für ihre KundInnen, wodurch sich die Frage nach der wahren Identität stellt. Wer ist man wirklich und was ist Fassade oder Fantasie? Hierzu passt auch gut der englische Buchtitel „Pick a color“: Pick who you want to be! Such dir aus, wer du sein willst und wie du anderen gegenüber erscheinen willst. Wähl deine Identität. Dass dieses Leben mit mehr Schein als Sein aber schnell in Einsamkeit, Empathielosigkeit und mangelhaften gesellschaftlichen Zusammenhalt endet, zeigt dieser Roman eindrucksvoll.

Das Kosmetikstudio ist ein ungewöhnlicher, aber idealer Handlungsort, um diese aktuellen zwischenmenschlichen Probleme aufzuzeigen. Vieles wird schön geschminkt, wodurch Probleme nicht angegangen sondern eher kaschiert werden, was aber keine dauerhafte Lösung sein kann. Der Autorin gelingt es, auf leicht zugängliche Art unterhaltsame Lektüre mit ernsteren Fragen auf einer zweiten Textebene zu verknüpfen. Die Botschaft des Romans wird so in mehrerlei Hinsicht betont, steht aber nie plakativ im Vordergrund. Ich habe noch kein vergleichbares Buch gelesen und vor allem Ning ist einmalig! Frag nach ihr und den Susans!

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