Rezension

[REZENSION] Gar nichts von allem

Redakteur: Anette Leister

Titel: Gar nichts von allem
Autor: Christian Duda
Illustrator: Julia Friese
Verlag: Beltz
Reihe: -/-
empfohlenes Lesealter: ab 11 Jahre
Ausführung: Hardcover, 160 Seiten
Autor:
Christian Duda heißt eigentlich Christian Achmed Gad Elkarim, früher hieß er sogar Ahmet Ibrahim el Said Gad Elkarim. Er war Österreicher, Ägypter und ist jetzt Deutscher, war Katholik, Mohammedaner und ist schon seit sehr langer Zeit ein glücklicher Atheist. Er ist Autor, Regisseur und Vater, lebt in Berlin und träumt vom Snowboarden.
 
Illustrator:
Julia Friese hat Illustration und Gestaltung in Dublin, Bilbao und Leipzig studiert. Besonders gerne illustriert sie Bücher von Christian Duda, 2008 waren die beiden für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Mit ihren gemeinsamen Büchern sind die beiden schon um die halbe Welt gereist. Dabei erfindet Julia Friese besonders gerne zusammen mit Kindern neue Geschichten. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin.

 

GAR NICHTS VON ALLEM

 

Mit “Gar nichts von allem” hat Christian Duda ein Buch mit autobiographischen Zügen geschrieben. Es geht um eine Kindheit in Deutschland Mitte der 70er Jahre.
Magdi wächst gemeinsam mit drei Geschwistern in einer deutsch-arabischen Familie auf. Damit ihre Kinder nicht unangenehm auffallen, erwarten die Eltern sehr viel von ihrem Nachwuchs. Genau wie die beiden älteren Geschwister besucht Magdi das Gymnasium, wobei er im Gegensatz zu den beiden anderen weniger Lust auf die Schule und zum Lernen hat. Trotzdem geht er gerne in die Schule, denn in der Schule ist er unter Freunden und weg von Zuhause. Einem Zuhause, in dem der Vater mit der Faust nachhilft, wenn seine Kinder nicht so reagieren, wie er es wünscht.

Magdi ist ein glühender Verehrer von Mohammed Ali, denn im Gegensatz zu seinem Vater ist er stark, fair und unbesiegbar. Wenn Magdi erwachsen wäre, würde er nach Amerika reisen und Mohammed Ali darum bitten gegen seinen Vater zu boxen.

Ich ziehe aus, wenn ich 18 bin!
Hunderttausendprozentig.
Es bringt nichts, mit ihm zu reden! Man muss 18 werden. Mehr ist nicht zu sagen.
Hoffentlich werde ich 18. (S.128)

Der Vater schlägt seinen ältesten Sohn Joe und Magdi teilweise so stark, dass die Kinder mit blauen Flecken und Handabdrücken im Gesicht der Schule fernbleiben müssen, damit niemand davon erfährt, was bei ihnen Zuhause passiert.
Vorurteile gegenüber Ausländern gibt es in den 70ern genug, auch ohne das zusätzliche Stigmata eines gewalttätigen Vaters. Zumal die Mutter voll hinter ihrem Mann steht und die Kinder von keiner Seite Unterstützung erwarten können. So ist es nicht verwunderlich, dass der älteste Sohn seine Mutter im Streit als Verräterin beschimpft und genau wie Magdi seinem Elternhaus den Rücken kehren will, sobald er volljährig ist.

Trotz aller Widrigkeiten spürt man zwischen den Zeilen die Unbeschwertheit eines Kindes, was man als Erwachsener einfach nur beneidenswert findet! An Lebensumständen, an denen man als Erwachsener möglicherweise zerbricht, bewahrt sich ein Kind immer noch seinen Lebenswillen und seinen Sinn für Humor.
Da “Gar nichts von allem” im Tagebuchstil geschrieben ist, kommt dies besonders gut zur Geltung. Der Tagebuchstil findet sich nicht nur im Text Christian Dudas wieder, sondern ebenfalls in den Illustrationen Julia Frieses, die wie spontane Kritzeleien eines Kindes wirken und weniger wie geplante Illustrationen in einem Buch.

Erschreckend sind nicht nur die Anfeindungen, die Magdi auf Grund seiner arabischen Abstammung erfahren muss. So ordnet ihn beispielsweise eine Verkäuferin auf Grund seiner Vergesslichkeit direkt als Haupt- oder Sonderschüler ein. Weitaus schlimmer finde ich, dass sich seit den 70ern gefühlt nichts verändert hat! Die Vorurteile, mit denen Magdi in dieser Geschichte konfrontiert wird, könnten genauso gut in der heutigen Zeit stattfinden.

Obwohl die Geschichte in einem eng gesteckten Rahmen und Zeitraum spielt, erfasst sie dennoch sehr gut den damaligen Zeitgeist. Die Begrenzung geschieht durch den Umstand, dass sie aus der direkten Sicht eines Kindes erzählt wird, dessen Aktionsraum nicht viel mehr umfasst als sein Zuhause und die Schule. So werden die Schwierigkeiten, mit denen sich ein heranwachsendes Kind generell herumschlagen muss, jedoch sehr gut in den Fokus gestellt. In diesem Fall verstärkt durch den multikulturellen Hintergrund und den familiären Problemen.

Ich denke, das ein Erwachsener Magdis Geschichte möglicherweise bedrückender findet als ein Kind in Magdis Alter, da man mehr noch zwischen den Zeilen herausliest als ein Kind dies vermag.
Ich finde das Buch und die enthaltenen Themen sehr empfehlenswert als Schullektüre, um Dinge wie Ausländerhass oder Gewalt in Familien zu diskutieren. Zumal besitzt das Buch dafür mit 160 Seiten die ideale Länge. Die kurzen Kapitel und der Schreibstil, der tatsächlich wie die Stimme eines Kindes tönt, kommen Weniglesern zusätzlich zu Gute.
Da Kinder und Jugendliche sicher einige Anekdoten und damalige Persönlichkeiten fremd sein werden, die in der Geschichte vorkommen, hat Christian Duda ein Glossar angefügt, in dem alle Begrifflichkeiten umfassend und mit viel Humor erklärt werden.

 
 
MUSS ICH HABEN!

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