Redakteur: Christiane Demuth
Titel: Pina fällt ausAutorin: Vera Zischke
Verlag: List
Reihe: -/-
Ausführung: Hardcover, 304 Seiten


PINA FÄLLT AUS
Pina ist immer da. Sie kümmert sich liebevoll um ihren Sohn Leo, der in seinem eigenen Rhythmus lebt und klare Strukturen braucht. Als Pina zusammenbricht und im Krankenhaus landet, gerät plötzlich alles durcheinander. Die Bewohner der Hansastraße 22 sehen sich einer Herausforderung gegenüber, um die sie nicht gebeten haben, und mit der sie nie hatten konfrontiert werden wollen. Es müssen jedoch alle an einem Strang ziehen, wenn sie die Situation meistern und gemeinsam wachsen wollen – auch Leo.
Vera Zischke bringt in ihrem Roman Charaktere zusammen, die auf den ersten Blick grundverschieden erscheinen. Blickt man jedoch hinter die Maske eines jeden einzelnen, so lassen sich immer mehr Gemeinsamkeiten feststellen. Zunächst stecken alle tief in der Rolle, die sie sich zumeist selbst auferlegt haben. Mit der Zeit aber bröckeln die Fassaden und es tritt eine unerwartete Vielschichtigkeit zutage.
Feinfühlig, empathisch und dennoch mit absoluter Klarheit hält die Autorin der Gesellschaft den Spiegel vor. Niemand sollte sich scheuen dort hineinzublicken, denn dies ist immer eine Chance, eventuell falsch gewählte Abzweigungen zu erkennen und den Weg zu korrigieren. Es geht um das Miteinander, um Individuen, um Persönlichkeiten, um Ausgrenzung, um Zusammenhalt – und so vieles mehr.
In „Pina fällt aus“ wird eine warmherzige Geschichte erzählt, die den Leser von der ersten Seite an packt. Einmal begonnen, kann man das Buch nicht aus der Hand legen. Ein wenig fühlt es sich an wie das Einlassen auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Während der Lektüre werden sämtliche Emotionen, positive wie negative, angesprochen. Denn trotz allem zeichnet Vera Zischke kein ausschließlich rosarotes Bild und verschleiert schwierige Gegebenheiten nicht.
Ein ganz wundervolles Werk, das viel Lob und Beachtung verdient. Noch lange nach dem Lesen klingen Worte und Gefühle nach.


…ist Pina im Leben ihres autistischen Sohnes Leo. Sie sorgt dafür, dass sein Alltag organisiert wird und kämpft unermüdlich für seine Inklusion und Akzeptanz in der Gesellschaft. So kommt es einer kleinen Katastrophe gleich, als Pina eines Tages zusammenbricht und für Wochen ins Krankenhaus muss. Was soll nun mit Leo geschehen? Keiner scheint sich so richtig verantwortlich zu fühlen und so sind es plötzlich die Nachbarn, die sich um Leo kümmern müssen. Die 86-jährige Inge, das rebellierende Teenagermädchen Zola und der zurückgezogen lebende Wojtek sind jedoch auch alle auf ihre Art „komische Vögel“ und müssen erst langsam zu einer Gemeinschaft zusammenfinden. Am Ende wachsen aber alle bei der Bewältigung der Aufgabe über sich hinaus und es zeigt sich, dass jeder einen wertvollen Beitrag zur Gemeinschaft beitragen kann – so anders er/sie auch sein und denken mag! Ein Appell für Diversität und Inklusion!
UNERSETZLICH finde ich es aufgrund dieser wichtigen Botschaft somit auch, diesen wunderbaren Roman zu lesen. Nicht nur inhaltlich sondern auch sprachlich stellt die Autorin ihr Feingefühl an den Tag und schildert sensibel die alltäglichen Herausforderungen, mit denen Betroffene im Umgang mit Behinderten konfrontiert sind. Trotz all der Belastungen strahlen die Figuren eine optimistische Willenskraft aus und beweisen Durchhaltevermögen ohne dabei verbissen oder verzweifelt zu agieren. All das und besonders auch die herzergreifende Beziehung zwischen Mutter und Sohn haben mich sehr berührt und mir das Buch ans Herz wachsen lassen.
Die Protagonisten habe ich im Laufe der Handlung richtig lieb gewonnen, da sie alle ihre eigenen Marotten haben und von der Autorin differenziert und realistisch dargestellt werden. Dadurch, dass die Kapitel aus wechselnden Perspektiven geschrieben sind, lernt man sie in der Innen- und Außensicht kennen und kann sich ein umfassendes Bild von ihnen machen. Sie bleiben nicht flach und durchlaufen einen individuellen Entwicklungsprozess, wobei besonders Zola in den Mittelpunkt rückt, deren Wahrnehmung sich bei mir während der Lektüre am meisten verändert hat.
Die positiven Durchhalteparolen dieses Romans habe ich als bestärkend empfunden. Scheinbar beiläufig streut Vera Zischke so viele ermutigende Lebensweisheiten ein und einiges muss man auch zwischen den Zeilen herauslesen. Man sollte mit offenen Augen durch die Welt gehen, auch das scheinbar Alltägliche und Normale wert schätzen und sich an Kleinigkeiten erfreuen – sei es „nur“ ein warmer Kaffee oder die Vorfreude auf die Abendserie. Was aber überhaupt „normal“ ist, stellt die Autorin durch Pinas und Leos Schicksal ja auch immer wieder in Frage und sie zeigt am Ende, dass man nicht den Konventionen entsprechen muss und sich Träume verwirklichen lassen, wenn man den Mut hat alternative Weltbetrachtungen zuzulassen.
„Pina fällt aus“ ist also wirklich ein Buch für Herz und Hirn! Es hat nicht nur eine wichtige Botschaft, sondern punktet auch mit einer feinfühligen, sensiblen Sprache, liebenswerten und skurrilen Charakteren sowie herzergreifenden Szenen. Dabei vergisst die Autorin aber auch nie ein Augenzwinkern oder den nötigen Galgenhumor, den es wahrscheinlich braucht, um so manche heikle Situation zu „wuppen“. Eine UNERSETZLICHE Lektüre!

—–DIESER BEITRAG ENTHÄLT WERBUNG—–



