Redakteur: Kerstin Kruse
Titel: Yesteryear (OT: Yesteryear)Autorin: Caro Claire Burke
Übersetzerinnen: Dietlind Falk / Lisa Kögeböhn
Verlag: Heyne
Reihe: -/-
Ausführung: Hardcover, 464 Seiten


YESTERYEAR
Ist „Yesteryear“ den aktuellen Hype wert oder ist es doch eher ein überschätztes Buch? Für mich hat die Geschichte zwei Seiten: einerseits kann ich es verstehen, weil es ein modernes, witzig geschriebenes Buch über aktuelle Themen wie Social Media, Tradwife-Lifestyle und Medienpräsenz im Allgemeinen ist, andererseits hat der Roman auch klare Schwächen im Plotaufbau und der Figurenausarbeitung, weswegen ich denke, dass „Yesteryear“ eine unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, aber kein Buch mit Nachwirkung ist.
Zwei Seiten hat nicht nur mein Urteil, sondern auch das Leben der Protagonistin und Erzählerin Natalie. Sie führt vor der Kamera ein scheinbar perfektes Leben mit ihrer Familie auf einer Ranch wie zu Zeiten der Pioniere, doch die Online-Natalie ist nicht gleichzusetzen mit der verbissenen und ehrgeizigen Offline-Natalie. Es gibt viel Doppelbödigkeit und Bigotterie, um den schönen Schein ihres Social Media-Imperiums am Laufen zu halten. Doch eines Tages passiert etwas Merkwürdiges: Natalie findet sich in der echten Pionierzeit wieder und muss mit deren Härten klarkommen. Was da passiert ist, wird nun wiederum auch auf zwei Ebenen erzählt. Die Doppelbödigkeit hat hier eben in mehrfacher Hinsicht Konzept.
Auf der einen Seite fand ich die Plotidee originell und ich habe so etwas Ähnliches noch nie gelesen. Die Handlung ist skurril, teilweise aber auch verwirrend, da man erst gar nicht richtig weiß, was das Ganze soll und in welcher Realität sich Natalie befindet. Ebenso originell und außergewöhnlich ist der Erzählstil. Die Autorin verwendet einen sehr umgangssprachlichen Plauderton, der sich leicht weglesen lässt. Erzählerin Natalie ist furchtbar zynisch und selbstverliebt; wenn man aus ihrer Perspektive liest, fühlt man sich fast abgestoßen von ihr, so unsympathisch und arrogant kommt sie rüber. Trotzdem ist es ein großer Lesespaß, weil es der Autorin gelingt einen alltagsnahen, modernen, um nicht zu sagen „rotzigen“ Ton zu treffen und wirklich witzige Szenen zu entwickeln. Besonders im dritten Teil hat mich das überzeugt. Somit zielt „Yesteryear“ meiner Meinung nach vor allem auf eine junge Leserschaft ab. Auf ältere LeserInnen mag die skurrile Thematik und Erzählstimme vielleicht etwas zu befremdlich und affektiert wirken.
Auf der anderen Seite hat der Roman aber auch seine Schwächen, sodass ich sagen würde, er ist eher „over-hyped“. Die Geschichte weist deutliche Längen auf, in den keine Entwicklung stattfindet, und auch die Figuren wirken größtenteils stereotyp und wie am Reißbrett entworfen. Die Abschnitte, in denen Natalie die Entwicklung und Bigotterie ihres Online-Imperiums beschreibt, waren für mich am interessantes und vieles dazwischen empfand ich als belanglos, weswegen es dem Roman gut getan hätte, um die Hälfte kürzer zu sein. Teilweise war die Handlung und vor allem der Plottwist am Ende auch dann zu absurd und effektheischerisch – eben darauf bedacht, eine möglichst große Leserschaft anzuziehen. Dafür ist einiges an Stringenz und Logik draufgegangen und auch die Figuren verschenken Entwicklungspotential. Dadurch ist eine differenziertere Betrachtungsweise auf das ganze doppelbödige Geschehen leider verloren gegangen.
Aus diesen Gründen wirkte „Yesteryear“ im Großen und Ganzen etwas befremdlich auf mich und man konnte merken, dass es weniger um literarische Qualität als um möglichst viel Aufmerksamkeit für das Buch geht. Nichtsdestotrotz bringt einen diese aktuelle Satire über Social Media, Internet und Medien immerhin zum Nachdenken über die Problematik und Doppelbödigkeit des Ganzen. Ein außergewöhnliches Debüt! Vielleicht kein Buch, das „bleibt“, aber auf jeden Fall eine kurzweilige, witzige Unterhaltungslektüre.

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